Kirche - eine Baustelle zum Anpacken
Kirchentag. 28. August 2011 in Subingen. Das Leben ist manchmal eine Baustelle. Die Kirche auch. Nun kann man die Hände in den Schoss legen und ins allgemeine Gejammer einstimmen oder in die Hände spucken und anpacken. Angepackt wurden am Kirchentag der Bezirkssynode Solothurn in Subingen das Leben und die Kirche. «Engagiert. Freiwillig - Bauen Sie mit?», lautete das Thema. So wurde im Familiengottesdienst auf Nehemia im Alten Testament Bezug genommen, der sein bequemes Leben verliess, um die zerstörten Mauern von Jerusalem wieder aufzubauen: Zwei «Bauarbeiter» (Pfarrer Reto Bichsel, Kriegstetten, Pfarrer Ralf Bethke, Zuchwil) diskutierten im Gottesdienst von Gerüst zu Gerüst, ob es sich denn überhaupt lohne, die Kirchengebäude zu «flicken» - man solle sie doch zerfallen lassen, zusammen mit dem «alten Kram», der da zur Sprache komme. Das Gegenargument: Kirche passiere nicht nur am Sonntag vor wenigen Menschen, sondern Tag für Tag auf der ganzen Welt. Kirche gibt Raum zum Träumen, für Visionen von Liebe, von einer besseren Welt. Für die Umsetzung dieser Visionen finde man in der Bibel einige nützliche Tipps. Von der Kirche aus werden Mittagstische für ültere Menschen organisiert, Kinderwochen durchgeführt, Flüchtlinge betreut, Seelsorge wahrgenommen. ... Kirche ist ein Ort, wo man seine kleinen Begabungen und auch grossen Talente einbringen kann. Und hier waren vor allem die vielen Freiwilligen gemeint, ohne die eine Kirchgemeinde ihre Aufgaben gar nicht wahrnehmen kann.
Temperamentvoll unterstützt wurde der Gottesdienst von der Sängerin Tanja Baumberger («fe-m@il»), die sämtliche «Bauarbeiterinnen» und «Bauarbeiter» - ob jetzt Profis oder Freiwillige - von den Stühlen riss.
In den Workshops der Kirchgemeinden Grenchen-Bettlach, Solothurn, Wasseramt, Biberist-Gerlafingen sowie des Bucheggbergs wurde dann weitergebaut: eine Kirche aus Menschen, eine filigrane Mauer aus beschrifteten und bemalten Papptellern, ein Mittagstisch, dessen Geschirr mit Begriffen zum Thema «Was bedeutet mir ein Zuhause» beschriftet wurde, ein Talentpuzzle und vieles mehr.
Regierungsrat Klaus Fischer sagte dann auch in seiner Grussbotschaft: «Kritiker der Kirche haben oft keine Ahnung, welch grossartige Arbeit die Kirche leistet.» Die Politik sei mit diesen Aufgaben überfordert. Er dankte allen, die sich für die Kirche und somit für die Gesellschaft engagieren. Synodalratspräsident Andreas Zeller hielt fest, dass sich im Synodalverband Bern-Jura-Solothurn 25Ô000 Freiwillige (76% Frauen) einbringen würden, und wies darauf hin, dass die Lebendigkeit einer Kirchgemeinde oft vom Talent der Pfarrperson abhängt, Freiwillige zu engagieren: «Denn Freiwillige bringen den Puls der Zeit in die Gemeinde und vermitteln die Lebendigkeit der Kirchgemeinde nach aussen.»
«Sensationell, wenn nicht gar geil», fand Bezirkssynodepräsident Werner Sauser den Gottesdienst dieses Kirchentages. «Es bestehen viele Klischees von der Kirche», sagte er, dieser Gottesdienst habe bewiesen, dass man es auch anders machen kann.
Angelica Schorre im «Grenchner Tagblatt» vom 30. August 2011
Eine Gruppe von 11 Personen (von 12 bis 79 Jahren) reiste am Mittwoch mit der Bahn nach Dresden. Kaum angekommen ging es schon an den Eröffnungsgottesdienst an der Elbe. Die Kulisse der Altstadt war fantastisch.
Die weiteren Tage waren gefüllt mit Vorträgen, Gottesdiensten, Konzerten und Kabarett. Einige von uns besuchten auch eine Bibelarbeit mit unserem Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger. Natürlich besichtigten wir auch die wunderschönen Bauten der Stadt. Manche von uns mochten in der Nacht fast gar nicht mehr ins Hotel, so schön war die Stadt «by night». Beeindruckend war auch der Abschlussgottesdienst mit 100'000 Menschen!
Unsere Heimreise gestaltete sich etwas länger als gedacht. Wir sind aber trotzdem gesund und «munter» um 3 Uhr morgens in Grenchen-Bettlach angekommen. Ganz nach dem Motto der «Wise Guys» mit dem Lied: «Thank you for travelling with Deutsche Bahn»!
Die Atmosphäre und die Freundlichkeit der Menschen in Dresden werden uns sicher in guter Erinnerung bleiben. Manche von uns freuen sich schon auf den nächsten Kirchentag in Hamburg 2013!
Nelly Furer, JuMa Mitarbeitern
[ Bilder]

Unipfarrer Luzius Müller, Sonja Crone (1. Preis) und Claudia Senn-Feurer (2. Preis, rechts) an der Preisverleihung des Schreibwettbewerbs. (Bild zvg)
Nicht 140 Zeichen wie bei Twitter, sondern 1000 Zeichen waren erlaubt: «Gott in 1000 Zeichen» lautete der Wettbewerb, den die katholische Universitätsgemeinde und das reformierte Pfarramt beider Basel zum 550-Jahre-Jubiläum der Universität Basel ausgeschrieben hatten. Die drei Texte, die am 19. September preisgekrönt wurden, sind die Lektüre wert (siehe unten).
Sonja Crone (1. Platz), Noemi Biro und Claudia Senn-Feurer (beide 2. Platz) sind die Siegerinnen des Schreibwettbewerbs, wie auf der Website des interkantonalen Kirchenboten zu lesen ist. Die Jury mit Fachleuten aus Literatur, Medien und Theologie hatte 45 ganz unterschiedliche Texte zu beurteilen, die zum überwiegenden Teil aus der Feder von Studierenden stammen. Für die ersten drei Ränge gab es ein Preisgeld im Wert von 500, 200 und 100 Franken. Am 19. September fand in der Peterskirche Basel die Preisverleihung im Rahmen des «Fests der Wissenschaften» statt.
Sonja Crones Kurzgedicht thematisiert das Ringen um Geborgenheit. Sie schreibe seit ihrer Kindheit, so die Germanistikstudentin am Rande der Veranstaltung. Das Thema des Schreibwettbewerbs habe sie zur Teilnahme gereizt, weil es «nicht banal» sei.
Auch Claudia Senn-Feurer ist das Schreiben eigener Texte vertraut. Der Widerspruch - strikte Beschränkung auf eine bestimmte Länge einerseits, das rational nicht erfassbare Thema Gott andererseits - habe sie zur Feder greifen lassen, so Senn-Feurer. Sie studiert an der Senioren-Universität, arbeitet beruflich für die reformierte Kirchgemeinde Liestal-Seltisberg und für den Tagungsort Leuenberg in Hölstein/BL und leitet hier Schreibwerkstätten. Claudia Senn-Feurers Beitrag ist eine Hymne auf Gottes Allgegenwart im Irdischen.
Noemi Biro, deren Wettbewerbstext sich Gott mittels einem Schicksalsschlag nähert, konnte ihre Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen, da sie als Jüdin an dem Tag am Jom Kippur-Fest teilnahm.
Der Text von Sonja Crone
Gotteskind
Unendlich ringendes
Herzeleid
Ringst in und um
Den Abgrund dich
Liebestolles Kind
Nur der Wind
Schwingt
Wie ein Blatt
Dich in die Hände
Der Sonne
Zum König
Zur Erde
Der Text von Claudia Senn-Feurer
Glaube Gott, du bist präsent
Im Makrospiegel des Tautropfs
In der Ewigzeit des Alls
In der Wurzelkraft des Pflanzenkinds
In Augenblitz und Donnerkraft
Im Atmen und Spielen des Windes
In fliessender Glut des Erdkerns
In fruchtiger Vielfalt des Wassers
In Antimaterie und Zellkern
Hoffnung Gott, du bist mir nah
In Nebelfetzen des Zweifels
im Jubel des Morgenvogels
im Kälteschauer des Kerkers «Angst»
im Erschauern beim ersten Kuss
im Frösteln der Einsamkeit
im Seelenseufzer des Schweigens
in der Herzkammer der Sehnsucht
im Glück unerwarteten Lächelns
Liebe Gott, du lässt dich finden
In der Geheimsprache der Liebenden
In Kindertraum und Freundesnetz
Im Händedruck am Sterbebett
In Vaterschoss und Mutterkraft
In Schwesterherz und Bruderkuss
In Streichelfell und Wedelgruss
Im Brückenschlag zu Nachbars Haus
Im Botengang durchs Niemandsland
Der Text von Noemi Biro
Nicht das Morphium oder die Hand meiner Mutter, nein, hierfür bin ich schon zu weit weg. Es ist das andere, das was für jeden von uns anders ist und doch so gleich. Das was man nicht sieht und trotzdem in solchen Momenten immer vor Augen hat.Ÿ>
Ich war immer die erste, die die Welt rational erklärt haben wollte. Physik statt Glaube. Wissen statt Wahrscheinlichkeitsvermutungen.
Klar. Autounfall. Innere Blutungen. Versagen des menschlichen Körpers. Alles ableitbar. Doch spätestens dann reichen keine rationalen Erklärungen mehr. Dann muss das andere kommen.
Das Gefühl der Wärme, das uns zeigt, dass es nicht immer so kalt sein wird. Dass auch der Winter vorbei gehen wird und wir den Frühling wieder erleben werden. Das Gefühl, das von nirgends kommt und doch jeder von uns in sich hat. Das Gefühl, dass uns die Akzeptanz der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens lehrt.
Keine Angst Mama, mir ist nicht kalt.
Sehr geehrte Damen und Herren
Eine Grabrede hat heute vor 90 Jahren Anstoss erregt. Nicht weil sie eine Lobrede für den Verstorbenen war, was ja so mancher Grabrede immer wieder vorgeworfen wird, auch nicht weil Pfarrer Hubacher, der die Beerdigung damals hielt, den Toten verkannt hätte, sondern weil der Tote unter ganz besonders brisanten Umständen ums Leben kam und Pfarrer Hubacher dies nicht verschwieg, sondern im Interesse aller in den Mittelpunkt stellte.
Als ich die Grabrede von Pfarrer Hubacher las, war ich berührt und betroffen zugleich. Betroffen über die äusserst betrüblichen und bedenklichen Umstände des Todes von Hermann Lanz, 29-jährig, Uhrmacher aus Grenchen; aber auch berührt, weil hier ein Kirchenmann sich getraut, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und in aller Öffentlichkeit zur Besinnung aufruft und die brodelnden Massen besänftigt. Ja, er wagt es, das Geschehen am 14. November 1918 so darzustellen, wie es sich tatsächlich zugetragen hat.
Er kannte seine Gemeindeglieder, die zum grössten Teil Arbeiterinnen und Arbeiter waren, wusste von ihren Nöten und Ängsten, ist ihnen, so gut es ging, beigestanden und hat ihrer oft stummen Not eine Stimmer verliehen. So etwa auch dann, als er vor den Waadtländer Major getreten ist, der die Todesschüsse hat abfeuern lassen, und ihm sagte: «Monsieur, vous n'auriez pas dû faire cela.»
Die Kirchgemeinderatsprotokolle aus jener Zeit von 1912 - 1920 sind zwar abhanden gekommen und vorläufig nicht auffindbar. Das mag Zufall sein oder nicht, sie hätten bestimmt noch manches interessante Detail zu Tage gefördert.
Die von Pfarrer Ernst Hubacher verfasste Grabrede für Hermann Lanz jedoch, sie ist uns erhalten geblieben, ja sie ist eines der wichtigsten Dokumente aus jener Zeit.
Heute, 90 Jahre nach dem Generalstreik und im Gedenken an die drei völlig unschuldigen Toten, die er in Grenchen gefordert hat, setzen wir eine Gedenktafel.
Heute, 90 Jahre danach, stehen wir zwar in wirtschaftlich und politisch anderen Zusammenhängen. Wir sind - Gott sei Dank - im Moment nicht mehr konfrontiert - oder jedenfalls nicht mehr direkt konfrontiert mit einem Generalstreik. Trotzdem haben gewisse Passagen der Grabrede Hubachers nicht im Geringsten an Aktualität eingebüsst. Wenn Hubacher etwa den Gründen nachgeht, die zum Generalstreik und zu den unglücklichen Todesschüssen geführt haben, schreibt er: «Wir haben trotz unserer Demokratie noch immer den Zustand, wo neben der bettelhaften, in Schmutz verkommenden Armut vieler Proletarier sich Luxus und Wohlleben der Besitzenden breit macht, wo der Besitz von Sachen, Geld und Bildung der Mächtigen - trotz aller formalen Freiheit - faktisch der Ohnmacht und Rechtlosigkeit der anderen gegenübersteht.»
Bedenken wir, wie leichtfertig heute führende Wirtschafts- und Bankenmanager mit Milliardensummen umgehen, bedenken wir, wie schnell und leicht es ist, vom Bund Miliardenbeträge zu erhalten, die das unverantwortliche Misswirtschaften nur behelfsmässig kaschieren können, dann merken wir, dass die Anliegen und Probleme, die den Generalstreik ausgelöst haben, sich zwar leicht verschoben, aber keinesfalls grundsätzlich geändert haben.
«Die Völker fordern das als Recht, was man ihnen bisher nur als Almosen gewährt hat.»
«Die Völker regen sich und fordern das als Recht, was man ihnen bisher nur als freundliches Almosen gewährt hat», sagt Pfarrer Hubacher weiter. Ich zitiere bloss, aber es kommt einem vor wie ein Kommentar zum heutigen Zeitgeschehen. Wir müssen wohl damit rechnen, dass wenn die Schere zwischen den unteren und den oberen Einkommen weiterhin so extrem auseinandergeht, wenn bedenkenlos weiter Boni aus Steuergeldern ausbezahlt werden, die Spannungen weltweit und die Spannungen auch hier in der Schweiz und in Grenchen nicht abnehmen werden.
Wenn wir heute den traurigen Geschehnissen, die sich vor 90 Jahren hier an diesem Ort abgespielt haben, gedenken, dann können wir dies nur so tun, indem wir weiter daran arbeiten, eine Gesellschaft zu schaffen, die den Bedürfnissen des Menschen Rechnung trägt - und nicht den Bedürfnissen des Mammons und des Kapitals oder des Marktes. Es wird nur dann ein wahrhaftes Gedenken sein, wenn unser Denken und Handeln - sei es beim täglichen Einkauf, sei es beim Gestalten grösserer Lebenszusammenhänge - geprägt ist von einem Streben nach einer besseren Gerechtigkeit.
Dreier Opfer gedenken wir heute: Hermann Lanz, 29-jährig, Marius Noirjean, 18 Jahre, und Fritz Scholl, 21 Jahre alt. Sie sind nicht einfach vergebens gestorben. Ich brauche nochmals die Worte meines Vorgängers Hubacher, wenn er schreibt:
«Wenn nun die Opfer auf der Seite derjenigen gestanden haben, die sich wehren für Sonne und Freiheit, so haben sie damit nur ihre Pflicht getan, sie haben sich gewehrt für sich selber, für ihre Klassengenossen und für allgemeine Menschenwürde. Sie sind gefallen für ihre Sache, die unser aller Sache ist. Auch der Herrschenden und Besitzenden Sache.»
Es ist nicht zuletzt auch ein Anliegen eines tief verstandenen christlichen Glaubens, wenn wir uns eingedenk des Generalstreiks und der Opfer, die er gefordert hat, für die Sache des Rechts und der Gerechtigkeit, für die Sache des sozialen Ausgleichs und des Friedens und der Freiheit einsetzen. «Ich möchte nicht durch Stillschweigen mitschuldig werden», schreibt Pfarrer Hubacher. Darauf kann ich nur sagen: Ich auch nicht! Und ich hoffe, dass auch unsere Kirchen ihre Stimmen immer für die Sache der Schwachen und Bedrängten und für die Sache der sozialen Gerechtigkeit erheben werden.